Deutscher Erdölimperialismus 1938-1941

Dietrich Eichholtz: Deutsche Politik und rumänisches Öl (1938-1941). Eine Studie über Erdölimperialismus, Leipziger Universitätsverlag 2005, 68 Seiten.

Autobahnbau und “Motorisierung”, Projekte der Nazi-Diktatur, die in der Propaganda als “Arbeitsbeschaffung” angepriesen wurden, waren Teil von Hitlers Kriegsvorbereitung. Daß die Schaffung eines motorisierten Massenheers, einer modernen Luftwaffe und Kriegsflotte einen rapide ansteigenden Bedarf an Treibstoff mit sich bringt, den Deutschland zu Beginn der Hitler-Diktatur keineswegs zu decken in der Lage war, ist ein Aspekt, der im Geschichtsunterricht meiner Schulzeit keine Rolle spielte. Die vorliegende Arbeit von Dietrich Eichholtz beleuchtet gerade diese wichtige Frage. Dabei wird sichtbar, wie ökonomischer Expansionsdrang, politischer Weltgeltungsanspruch und militärische Agressionspolitik in der untersuchten Phase “Hand in Hand” erfolgreich funktionierten.

1934 war Deutschland mit einem Verbrauch von 3,7 Millionen Tonnen Mineralöl zu 65-70% von Importen abhängig, die hauptsächlich aus Nord- und Lateinamerika kamen. Im Vergleich zu den Hauptkonkurrenten zeugte der pro Kopf Verbrauch von 40 Liter gegenüber Frankreich mit 85,1 Liter, England mit 144 Liter und den USA mit 609 Liter von einem recht kläglichen Stand der “Motorisierung”.(8) Von 1936 bis 1938 stiegen die Treibstoffbedarfsschätzungen der Wehrmacht für den Mobilisierungsfall in großen Sprüngen. Noch 1936 hatten Göring und Experten der IG Farben unter Carl Krauch auf eine “möglichst weitgehende Deckung auf einheimischer Rohstoffbasis” gesetzt, Pläne, die 1938 über den Haufen geworfen werden mußten.(10) 1939 verkündete die Göring-Krauch-Gruppe dann eine “Großwirtschaftsblock” -Strategie “unter Einbeziehung des südosteuropäischen Wirtschafts- und Rohstoffraumes”.(11)

Rumänien gehörte noch 1936 zu den sieben führenden Erdölförderländern der Welt. Seine Ölvorräte waren jedoch begrenzt. Die Fördermenge erreichte 1936 mit 8,7 Mio t einen absoluten Höhepunkt und fiel dann ab. Drei Viertel des geförderten Erdöls gingen in den Export. 80% der Förderung lagen in den Händen von 7 großen Erdölgesellschaften, die bis auf eine von ausländischem Kapital beherrscht waren. Vorherrschend war britisch-niederländischer, französisch-belgischer und amerikanischer Aktienbesitz. Deutsches Kapital war 1938 mit nur 0.2% an der Erdölförderung beteiligt.(13) Politisch neigten die in Rumänien herrschenden Kreise ebenfalls eher zum Bündnis mit England und Frankreich, waren Rumänien doch im Ergebnis des Ersten Weltkriegs erhebliche Landesteile Ungarns, Bulgariens und Rußlands zugesprochen worden, so daß das Land an Größe und Bevölkerungszahl auf das Doppelte gewachsen war. Seither sah sich der rumänische Nationalismus vom Revisionismus jener Länder und von Problemen mit nichtrumänischen Minderheiten im eigenen Land bedrängt und sah in Deutschland eine durch die Friedensverträge 1919/20 ebenfalls stark betroffene revisionistische Macht.(15)

Trotz dieser Umstände gelang es dem deutschen Imperialismus zwischen 1938 und 1941, durch eine “bloodless invasion” in der rumänischen Wirtschaft wieder Fuß zu fassen und vor allem dem Ziel der Kontrolle über das rumänische Öl näher zu kommen. Von Vorteil für das Hitler-Regime erwies sich dabei zunächst die Appeasementpolitik der Westmächte, später die militärischen Erfolge Hitlers vor allem gegen Frankreich. Nach dem Münchner Abkommen mußten auch die herrschenden Schichten Rumäniens versuchen, sich mit dem Deutschen Reich zu arrangieren. Es kam zu Verhandlungen König Carols mit Hitler und Göring. Während Hitler in einer “Schiedsrichterrolle” zwischen rumänischem Nationalismus und ungarischem Revisionismus zu lavieren suchte, stand bei Göring der Tausch von rumänischem Öl gegen deutsche Waffenlieferungen im Vordergrund, über den es bereits im August 1938 zu einem ersten Abkommen gekommen war.

Ein langfristiger Staatsvertrag über die deutsch-rumänischen Wirtschaftsbeziehungen wurde schließlich in einer Atmosphäre politischer Spannungen 1 Woche nach dem deutschen Einmarsch in Prag unterzeichnet.(23) Dieser enthielt zwar Absichtserklärungen bezüglich eines durchzuführenden “großzügigen Mineralölprogramms” und Festlegungen zur Lieferung von Kriegsgerät an Rumänien, doch blieb in der unmittelbar folgenden Zeit, besonders nach den politischen “Garantien” der Westmächte für die Unabhängigkeit Rumäniens, die anglo-frankophile Haltung in den führenden rumänischen Kreisen noch vorherrschend und übte eine hemmende Wirkung auf die deutsche wirtschaftliche Expansion aus. (25) Der deutsche Wirtschaftseinfluß in Rumänien vergrößerte sich in den Monaten nach dem Ende der Tschechoslowakei durchaus, aber nicht in dem Maße, den die Wehrmachtführung und die Vierjahresplan-Gruppe um Göring für einen bevorstehenden größeren Krieg für nötig hielten.

Erfolgreicher entwickelte sich der Handel. Dies war der sprunghaft forcierten rumänischen Aufrüstung und entsprechenden deutschen Waffenlieferungen sowie der Tatsache zu verdanken, daß nach dem Ende der Tschechoslowakei deren gesamter Außenhandel unter deutsche Kontrolle geriet. Im Gesamtergebnis stieg in den Monaten nach dem März 1939 der deutsche Anteil am rumänischen Ölexport von 16,3 auf 38,4 Prozent und erreichte von Mai bis August eine Höchstmarke von 440 000 Millionen t.(28) Eichholtz setzt sich mit der These auseinander, die deutsche Wirtschaftsexpansion in Rumänien sei in staatlicher Hand erfolgt und die Privatwirtschaft nicht an ihr beteiligt gewesen. Dagegen führt er ins Feld, daß das deutsche Rüstungs- und Bankkapital seit Mitte der 30er Jahre “aufs engste mit dem Kriegskurs des Regimes verbunden” und “selbst faschisiert” war. Er verweist auf die personelle Zusammensetzung von staatsmonopolistischen Planungs- und Regulierungsgremien wie Görings Vierjahresplan-Gruppe und dem Industrie- und Handelsausschuß für Rumänien der “Reichsgruppe Industrie”, die die Interessenidentität der Ziele verdeutlichten. Private Unternehmen seien 1939 und 1940/41 in Scharen nach Rumänien eingedrungen, um Investitions- und Geschäftsmöglichkeiten, nicht zuletzt bei “Arisierungen” zu nutzen.(31)

Dem könnte hinzugefügt werden, daß die Gegenüberstellung von staatlichen “strategischen Interessen” und privaten “kommerziellen Interess-sen”, wie sie bei vielen Kritikern der marxistischen Faschismustheorie üblich ist, ziemlich problematisch ist. Wer nach Widersprüchen zwischen strategischen Entscheidungen und kurzfristigem Profitstreben sucht, wird immer fündig werden. Solche Widersprüche gibt es ja nicht nur zwischen Staat und Privatwirtschaft, sondern auch innerhalb der einzelnen Konzerne, etwa, wenn es um Fusionen geht, die sich kurzfristig nicht in höheren Dividenden auszahlen. Eichholtz` Studie zeigt am Beispiel der Rumänienpolitik, wie bei allen Widersprüchen in den damaligen staatsmonopolistischen Gremien Entscheidungen im Interesse des deutschen Imperialismus zustande kamen.

Nach Kriegsbeginn verstärkte sich der deutsche Druck auf Rumänien, das seine Neutralität im Krieg erklärt hatte. Da Deutschland inzwischen als einzig lieferfähiger Waffenlieferant erschien, kam es zu einem Öl-Waffen-Pakt mit für das Hitler-Regime günstigen Umtauschverhältnissen.(38) Mit den Siegen im Westen, besonders über Frankreich, erhielten die Bemühungen deutscher Großbanken, Erdölgesellschaften, Kapitalgruppen und kriegswirtschaftlicher Behörden, die rumänische Wirtschaft unter ihre Kontrolle zu bringen, einen großen Schub. Beschlagnahmen, Aktienaufkäufe, unter Druck getroffene Abmachungen, Abtretungsforderungen im Rahmen der deutsch-französischen Friedensverhandlungen gehörten zum Instrumentarium. Federführend bei den Verhandlungen mit belgischen und französischen Aktionären großer Ölgesellschaften in Rumänien war die Deutsche Bank. Die von Royal Dutch-Shell kontrollierte größte rumänische Ölfirma wurde unter deutsche Kontrolle gebracht, indem ein niederländischer Kollaborateur zum Generaldirektor ernannt wurde. Diese Aneignungen, ließen die deutsche Kontrolle auf 47 % der rumänischen Rohölförderung hochschnellen, ein Zustand, der 1941 von der faschistoiden Regierung Antonescu noch durch Gesetz legitimiert wurde. Es verfügte, daß die ausländischen Gesellschaften in Rumänien, soweit am 1.9.1939 in kriegführenden Staaten ansässig, den Dispositionen jener Autoritäten unterworfen wären, die dort “die Attribute öffentlicher Kontrolle effektiv ausüben”.(52)

Die Studie von Eichholtz skizziert den Vormarsch des deutschen Erdölimperialismus im Rumänien der Jahre1938-41 faktenreich, mit zahlreichen Komplikationen, Widersprüchen und Rückschlägen behaftet, ein Verlauf, der hier nur grob vereinfacht wiedergegeben werden kann. Wichtige Themen, wie das der Transportwege, können in einer Rezension nicht behandelt werden.Wer Genaueres wissen will, muß das Buch lesen. Erwähnt werden soll noch ein in der Studie enthaltener Exkurs, in dem die “Aussichten auf ein deutsches Erdöl-imperium” beschrieben werden, wie sie von führenden Ölexperten des 3. Reichs gesehen wurden. Daß die rumänischen Vorräte bald erschöpft sein würden, war bekannt. Die Möglichkeit ausreichender Öleinfuhr aus “Rußland” wurde skeptisch gesehen. Doch der Krieg gegen Großbritannien versprach über kurz oder lang die Lösung: durch die Übernahme der britischen Positionen im Nahen Osten. Die Schlüsselstellungen der Weltkonzerne Royal Dutch-Shell im Irak und der Anglo-Iranian Oil Company im Iran waren im Visier. Die Aufteilung der Royal-Dutch-Shell-Anteile im Irak war sogar bereits Gegenstand der Waffenstillstandsverhandlungen mit der französischen Vichy-Regierung.(46-52) Die Träume von einem deutschen Erdölimperium innerhalb eines deutschen Weltimperiums bewegten sich also in weit über Rumänien hinausgehenden Dimensionen. In der Realität blieb es bei Rumänien als wichtigsten Exporteur von Öl für die deutsche Kriegsmaschine.

Rezension in Marxistische Blätter 5/2005

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