Trump, Deutschland und die EU

Von Beate Landefeld

Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten anstelle der favorisierten Hillary Clinton löste in Berlin und Brüssel blankes Entsetzen aus. Die Stimmung beschreibt Jana Puglierin, die Leiterin des Alfred-Oppenheim-Zentrums für Europäische Zukunftsfragen, eines bei der DGAP angesiedelten Thinktanks:

„Das Brexit-Referendum und die Wahl Donald Trumps – beide Ereignisse sieht man in Deutschland als zwei Seiten ein- und derselben Medaille – fühlten sich für Berlin wie politische Erdbeben an. In beiden Fällen waren die Deutschen abends hochgestimmt ins Bett gegangen und beim Aufwachen mit einer neuen Realität konfrontiert. Beide Ereignisse wurden als existentielle Bedrohungen der zentralen Parameter deutscher Außenpolitik wahrgenommen: der EU und einer starken transatlantischen Allianz. Schlimmer noch, viele in Berlin fürchten, dass beide Ereignisse sich in ihrer negativen Auswirkung auf die EU gegenseitig verstärken könnten.“[1]

Die herrschende Klasse der EU-Führungsmacht Deutschland stören vor allem zwei Dinge im Auftreten des neuen US-Präsidenten:

a) dass er nicht eindeutig auf die NATO-Klausel des automatischen militärischen Beistands schwört, sondern die NATO-Partner beschuldigt, ihr Anteil an den militärischen Lasten des überdehnten US-Imperiums sei zu gering;

b) dass er auf chronische Handelsungleichgewichte, zu denen Deutschlands permanente Exportüberschüsse beitragen, mit protektionistischen Mitteln reagieren will.

Die NATO-Partner vereinbarten 2014, die Militärausgaben bis 2025 auf zwei Prozent ihres BIP anzuheben. Trump drückt aufs Tempo. Im Wahlkampf nannte er die NATO „obsolet“. Er plädierte für eine Außenpolitik als „Interessenpolitik“, der es nicht um die weltweite Durchsetzung von „Werten“, sondern um „gute Deals“ gehe. Er lehnte Strategien des „Regime Change“ ab. Er befürwortete die Kooperation mit Putin. Seine reaktionäre Innenpolitik schien mit mehr Realismus in der Außenpolitik einherzugehen. Die US-Außenpolitik der nachsowjetischen Ära zielt auf Erhalt einer unipolaren Weltordnung unter US-Hegemonie. Dazu ist der Aufstieg Chinas und ein Wiederaufstieg des heute kapitalistischen Russlands zu bremsen. Der US-Staat sieht sich als unersetzbare militärische Garantiemacht für die ungehinderte, finanzkapitalistische Durchdringung der Welt und dafür, dass die großen US-Konzerne auch künftig aus einer Position der Stärke agieren und die USA, zusammen mit der EU und Japan, die Regeln der Weltwirtschaft bestimmen. Es geht darum, nötigenfalls mit Gewalt, eine Rangfolge festzuschreiben, deren materielle Grundlage seit längerem erodiert. In der Realität befinden sich die Kräfteverhältnisse im Übergang zur Multipolarität: mit dem ökonomischen Aufstieg Chinas, mit der Krise seit 2008 und der Art ihrer Bewältigung, mit dem Scheitern der US-geführten Kriege in Afghanistan, im Irak und in Libyen.

Als Obama die Hinwendung nach Asien ausrief sollte dies auch die NATO-Partner zu mehr Beteiligung an den militärischen Lasten bewegen. Obama zog sich aus „kostspieligen Fehlern“, wie dem Irakkrieg, zurück, überließ den Libyenkrieg weitgehend Frankreich und Großbritannien und war bemüht, das, nach Bush junior, lädierte Image der USA zu bessern, indem er Bomben durch geräuschlosere Drohnen ersetzte. Das brachte ihm bei Falken den Ruf eines „Weicheis“ ein. Nicht wenige im Pentagon setzten auf die nicht zimperliche Hillary Clinton, die im Libyenkrieg die Ermordung Gaddafis mit dem Schlachtruf „We came, we saw, he died!“ bejubelt hatte. Von einem Wahlsieg Trumps wiederum erhofften viele Beobachter eine Atempause für Syrien. Doch als Präsident enttäuschte auch Trump solche Hoffnungen schnell, vor allem, indem er auf Basis unbewiesener Vorwürfe die syrische Luftwaffe angreifen und die „Mutter aller Bomben“ über Afghanistan abwerfen ließ. Seine Gegner, von Clinton bis Merkel, begrüßten das als Signal der Kontinuität zur Außenpolitik seiner Vorgänger. Tatsächlich wirken starke Faktoren zugunsten der Kontinuität:

(1) Wenngleich ökonomisch absteigend, bleiben die USA auf absehbare Zeit das militärisch stärkste Land im imperialistischen Weltsystem. Zu hoffen, dass sie darauf verzichten, diese Stärke auszuspielen, wäre unrealistisch. (2) Der Druck auf Trump, den staatliche Apparate, mächtige Kreise der US-Oligarchie und der Medien aufrechterhalten, wirkt einem Abweichen vom kriegerischen Interventionismus entgegen. „Für die dominierenden Sektoren der herrschenden Klasse der USA,“ so der US-amerikanische Marxist John Bellamy Forster, „bleibt es wesentlich, dass Russland, das im eurasischen Herzland sitzt und noch immer der nukleare Hauptgegner ist, wichtigstes Ziel der Grand Strategy bleibt. Die Stabilität der NATO-Allianz und die gesamte US-Strategie einer permanenten Unterordnung Europas unter ihre Regeln gründet sich auf den Neuen Kalten Krieg mit Russland. Für die herrschende Klasse der USA hängen die Stärke der US-Ökonomie, die Vorherrschaft des Dollars und die finanzielle Macht Washingtons allesamt von der globalen Vorrangstellung ab.“[2]

Weshalb findet Kanzlerin Merkel Trump „unzuverlässig“?

Trumps Auftreten schadet der Erzählung, mit der der Westen seine Rolle in der Welt legitimiert. Ohne gemeinsame Erzählung ist es schwierig, den Konsens der Bevölkerung, die die Lasten der imperialistischen Politik letztlich tragen muss, zu sichern. Das gilt gerade auch in Deutschland. Gerhard Schröder gewann 2002 mit der Nichtbeteiligung am Irakkrieg die Bundestagswahl. 2011 stimmte Außenminister Westerwelle im Fall des Libyen-Kriegs im UNO-Sicherheitsrat mit Russland und China für Enthaltung, gegen Frankreich, Großbritannien und die USA. Es bescherte ihm aus Medien und Thinktanks, was man heute einen Shitstorm nennt. Alle warnten vor einem „deutschen Sonderweg“. 2013 forderte die von maßgebenden Thinktanks verfasste Studie „Neue Macht – neue Verantwortung“[3] eine deutlich aggressivere deutsche Außenpolitik. Sie definierte sie als wertebasierte, „normative Außenpolitik“:

„Wenn Deutschland als außenpolitischer Akteur nicht nur erfolgreich, sondern auch glaubwürdig sein will, muss es die Werte, die es zuhause pflegt, auch in seiner Außenpolitik verfolgen.“ Deren Instrumente reichten „von der Diplomatie, über die Entwicklungs- und Kulturpolitik bis hin zum Einsatz militärischer Gewalt.“ (9f.)

Sinn der Studie war die Eingliederung Deutschlands in die von Obama gewünschte, stärkere Arbeitsteilung in der NATO, mit der er nach den Fehlschlägen in Afghanistan und Irak „kostspielige Fehler“ der USA verringern und mehr Engagement der „Partner“ einfordern wollte. Laut der Studie sollte Deutschland „mehr Verantwortung für den Erhalt einer offenen, regelbasierten Weltordnung“ übernehmen. Sinnvoll sei die Konzentration auf Osteuropa, Nordafrika, den Mittleren Osten und Zentralasien, „um die amerikanischen NATO-Verbündeten im Zuge ihres wachsenden Engagements in Asien zu entlasten“. (42) Die Welt wird in drei Länderkategorien unterteilt: in Freunde, Herausforderer und Störer. Freunde (das sind die NATO-Partner, Japan, Südkorea, Australien, Neuseeland) seien „gleichgesinnte Mitstreiter“ und „Kräfteverstärker“. Herausforderer (die BRICS) böten ökonomische Chancen, teilten aber nicht immer westliche Werte, seien oft autokratisch regiert und „machen Deutschland und anderen Ländern des Westens ihre bislang dominierende Rolle in den Institutionen der internationalen Ordnung streitig“. (16) Als Störer benennt die Studie den Iran, Syrien, Kuba, Venezuela und Nordkorea. Russland galt 2013 noch nicht als Störer; nur die Energieunabhängigkeit Deutschlands von Russland wird in der Studie gefordert.

Zum Umgang mit den verschiedenen Kategorien heißt es: Herausforderer seien einzubinden, wenn sie zu Störern werden, „einzuhegen“, z.B. durch Sanktionen. Gegen Störer müsse Deutschland nötigenfalls „bereit und in der Lage sein, militärische Gewalt anzuwenden oder zumindest glaubhaft damit zu drohen.“ (20) Das Agieren der deutschen politischen Klasse 2014 in der Ukraine, die mediale Putin-Dämonisierung, andauernde Russland-Sanktionen, die NATO an Russlands Westgrenzen, das militärische Engagement im Irak, in Syrien, in Afrika folgen dieser Strategie und werden mit der Erzählung von den „Werten“ untermalt. In der Realität geht es natürlich nicht um sittliche Werte, sondern um den Versuch der traditionellen imperialistischen Hauptmächte, ihr Monopol auf die Definition der Regeln der Weltwirtschaft aufrechtzuerhalten, nötigenfalls mittels Regime Change, Völkerrechtsbruch und Krieg.[4]

In ihrer Erklärung zur Wahl Trumps zählte auch Angela Merkel zunächst „Werte“ auf. Sie nannte „Demokratie, Freiheit, Respekt vor der Würde des Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder politischer Einstellung“. Sodann erklärte sie sich bereit, mit Trump „auf der Basis dieser Werte“ zusammenzuarbeiten. Damit zeigte sie „Flagge“, allerdings nicht für die Menschenrechte, sondern für die Erzählung, die Mission des Westens in der Welt bestünde in der Durchsetzung von Werten. Sie blieb beim interventionistischen Kurs der Studie „Neue Macht – neue Verantwortung“. Obama bestärkte sie bei seinem Abschiedsbesuch in Berlin.[5] Große US-Medien aus dem Clinton-Lager riefen Merkel zur neuen Führerin des Westens aus. Tatsächlich fungiert sie derzeit als Platzhalterin für die „Werte“ der transatlantischen Allianz, die der neue US-Präsident, auch aus Sicht großer Teile der US-Oligarchie und des US-Staatsapparats, nicht glaubhaft verkörpert.

Die Reaktionen der EU: Militarisierung und Abschottung als Korsettstangen

Der erste Paukenschlag, der die Wucht der zentrifugalen Kräfte der EU offenlegte, war das Brexit-Votum Mitte 2016. Tiefere Ursache der Spaltungen ist die Ungleichmäßigkeit der Entwicklung. Dem reichen Kern der EU stehen arme Länder im Osten und eine in der Krise arm gewordene Südflanke gegenüber. Destabilisierend wirken vor allem die Ungleichgewichte, die durch die Überlegenheit der deutschen Konzerne und permanente deutsche Exportüberschüsse erzeugt werden.[6] Mit den Exportüberschüssen wird in andere Länder Arbeitslosigkeit exportiert, werden dort soziale Spannungen und Tendenzen des Protektionismus befördert. Der Interessengegensatz zwischen der deutschen Monopolbourgeoisie, die am Geschäftsmodell stetiger Überschüsse festhält, und den westlichen (nicht nur europäischen) Partnern ist uralt und wird seit Langem auf Gipfeltreffen ausgetragen.[7] Die Kerbe, in die Trump schlug, als er den Brexit lobte und die EU ein Instrument Deutschlands nannte, war bereits tief.

Anstelle eines Ausgleichs des ökonomischen Gefälles, sind Berlin und Brüssel bemüht, der EU mittels Militarisierung und Abschottung Korsettstangen gegen die zentrifugalen Kräfte einzuziehen. Unmittelbar nach dem Brexit-Votum setzten Initiativen ein, den Zusammenhalt der EU auf das Gebiet der „gemeinsamen Sicherheit und Verteidigung“ zu verlegen, da mit dem Brexit die bisherige „Hauptbremse für eine gemeinsame Verteidigungspolitik“ entfalle. Auf dem Bratislava-Gipfel im Herbst 2016 trat Juncker für den Aufbau eines EU-Militärhauptquartiers ein. Hollande forderte, die EU müsse sich auch ohne die USA verteidigen können. Der ungelöste Dissens in der Flüchtlingsfrage mündete im Abschottungskurs und im Ausbau der Küstenwache Frontex. Die Wahl von Trump kurbelte die Diskussion nur weiter an. Nach dem G7-Gipfel in Taormina und Trumps Auftritt im Brüsseler NATO-Hauptquartier im Mai 2017 steuerte Merkel ihre berühmte Bierzeltrede bei, in der sie der Welt kundtat:

„Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, sind ein Stück weit vorbei. Das habe ich in den letzten Tagen erlebt. Und deshalb kann ich nur sagen: Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen. Natürlich in Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika.“[8]

Damit stellte sie sich hinter den jüngsten Militarisierungsschub der EU. Er soll „militärische Autonomie“ und „Augenhöhe mit den USA“ bringen. Die bisherigen zivil-militärischen Missionen der EU (ca. 30) dienen meist der Nachsorge und dem State Building nach US-geführten Kriegen oder Bürgerkriegen. Erstrebt wird die Befähigung zu großen Auslandseinsätzen ohne Hilfe der USA. Das Militärhauptquartier (zunächst nur für Ausbildungs- und Trainingseinsätze) ist inzwischen beschlossen. Ursula von der Leyen ist dabei, Truppenteile der Niederlande, seit 2016 auch tschechische und rumänische Verbände, dem Kommando der Bundeswehr zu unterstellen.[9] Die EU-Kommission will gemeinsame Rüstungsforschung und Rüstungsbeschaffung fördern. Merkel und Macron steuerten den Plan für einen gemeinsamen Kampfflieger bei.

Parallel hat die NATO in Rumänien ein Raketenabwehrsystem stationiert und vier Batallione unter Führung der USA, Kanadas, Großbritanniens und Deutschlands an die russische Westgrenze verlegt. In Polen, im Baltikum, in der Ostsee finden Manöver statt. Russische und chinesische Marine reagieren mit eigenen Ostseemanövern. Die EU-Staaten, von denen 22 der NATO angehören, haben ihre Militärbudgets 2017 deutlich erhöht und wollen das fortsetzen.[10] Die NATO-Truppen in Afghanistan werden aufgestockt. Im Irak soll es eine neue NATO-Ausbildungsmission geben. Im Mittelmeer werden NATO-Schiffe am Kampf gegen „illegale Migration“ teilnehmen. EU und NATO, rüsten auf und legen an militärischer Stärke zu. Vor allem im Zuge der Ostexpansion sind dabei politische Interessenkonstellationen entstanden, die den Zusammenhalt der EU mit dem der NATO immer enger verzahnen.

Durch Brexit und Trump zu einem neuen Aufbruch der EU?

Osteuropäische Länder wie Polen oder die Tschechei suchen traditionell enge Beziehungen zu den USA als Gegengewicht zu Deutschland und Russland. Auch wollen sie in der künftigen EU nicht vom deutsch-französischen Großmächte-Tandem marginalisiert werden. Im Westen wiederum gibt es die lange Tradition militärischer Zusammenarbeit zwischen Frankreich und Großbritannien, die an die Entente Cordiale anknüpft. Während des Libyenkriegs sprach der damalige französische Außenminister Juppé von einer „französisch-britischen Achse“ in der Verteidigungspolitik der EU.[11] Die Achse ist älter als die EU und wird den Brexit überdauern, umso mehr, je stärker die Rolle Deutschlands auf dem europäischen Kontinent wird. Dann gibt es Länder, die nicht der EU aber der NATO angehören, wie Norwegen, und andere, die, wie Schweden und Österreich, EU- aber nicht NATO-Mitglied sind. Auch sie beteiligen sich an NATO-Übungen. Die geplante „Integration mit verschiedenen Geschwindigkeiten“ wird die Verzahnung von EU und NATO weiter fördern. Laut der Studie „Neue Macht – neue Verantwortung“ sollen am Ende „militärische und zivile Fähigkeiten stehen, die austauschbar im VN-, NATO- oder EU-Rahmen (oder im Rahmen eines gemeinsamen Vorgehens mehrerer Organisationen) eingesetzt werden können.“ Das werde „die Europäer zu effektiveren Partnern machen.“ (44)

„Militärische Autonomie der EU“ heißt demnach nicht Abnabelung der EU von der NATO, sondern soll eine flexible Arbeitsteilung zwischen dem US-Imperialismus und den europäischen imperialistischen Mächten ermöglichen. Obamas 2011 ausgerufene Konzentration der USA auf Asien beinhaltete schon, dass die imperialistischen Länder diesseits und jenseits des Atlantiks abgestimmt, aber arbeitsteilig für die Weltordnung, die auf ihren Regeln basiert, „Verantwortung übernehmen“ und ihr weltweit abnehmendes Gewicht „kräfteverstärkend“ bündeln. Mit der Studie „Neue Macht – neue Verantwortung“ passte sich die deutsche Außenpolitik dem an. Die transatlantische militärische Arbeitsteilung ist aber auch mit Trumps Drängeln auf eine für die USA günstigere Lastenverteilung innerhalb der NATO kompatibel.

Das deutsche Monopolkapital akzeptierte die Russland-Sanktionen als „Primat der Politik“ und ordnete seine ökonomischen Interessen in Russland der langfristigen Strategie einer Frontstellung gegen das Land unter. Der Übergang von einer eher kooperativen Ostexpansion zu einer, die auf Konfrontation mit Russland setzt, war bereits seit der Beteiligung deutscher Spitzenpolitiker am Maidan-Putsch vollzogen. Im Sommer 2017 weiteten Republikaner und Demokraten der USA in seltener Einmütigkeit das Sanktionsregime gegen Russland aus. Trumps Interesse an der Förderung des Absatzes von US-Flüssiggas vereinte sich mit der Russophobie seiner Gegner. Die Iran- und Russlandsanktionen wurden in einer Weise verschärft, dass auch deutsche, französische und österreichische Konzerne bedroht sind, die in die zweite Trasse der Ostseepipeline Nord Stream 2 investieren wollen. Sie soll Gas von Russland nach Deutschland leiten ohne das Territorium von Transitländern wie Polen oder der Ukraine zu benutzen. Da den Transitländern durch die Pipeline Gebühren und ein politisches Druckmittel entgehen, lehnen sie Nord Stream 2 vehement ab.

Vor dem Hamburger G20-Gipfel diskutierte Trump mit zwölf osteuropäischen Staatschefs beim Warschauer Treffen der Drei-Meere-Initiative. Sie lehnen Nord Stream 2 ab und setzen auf US-Flüssiggas.[12] Trump warnte von Polen aus vor angeblichen „destabilisierenden Aktivitäten“ Russlands. Während die Regierung Merkel/Gabriel die Pipeline als „rein wirtschaftliches Projekt“ gegen das neue US-Sanktionsregime verteidigte, bezeichnete der russophobe Scharfmacher Norbert Röttgen die SPD und Minister Gabriel als „Gazprom-Lobbyisten“. Die EU ist in der Frage zerstritten. Ihr Energieminister kommt selbst aus einem der Transitländer. Der Konflikt ist noch nicht entschieden. Sein Ausgang wird Aufschluss über den erreichten Stand der „gleichen Augenhöhe“ geben, aber auch darüber, wie sehr sich die Bundesregierung selbst zur Gefangenen ihrer eigenen antirussischen Konfrontationspolitik gemacht hat.

Trotz der zutage liegenden Widersprüche in NATO und EU versprühen die EU-Oberen Optimismus. Es heißt, die EU verdanke dem Brexit und Trump einen „neuen Aufbruch“ zu mehr Integration. Das ist Pfeifen im Walde, denn erstens werden die Spaltungslinien innerhalb der EU nicht kleiner und zweitens gilt für EU und NATO gleichermaßen: Wenn sie enger zusammenrücken, dann nicht aufgrund eines Aufbruchs zu neuen Ufern, sondern um ihr weltweit abnehmendes ökonomisches Gewicht zu bündeln und durch den Einsatz und die Demonstration ihrer nach wie vor existierenden militärischen Überlegenheit zu kompensieren. Abnehmendes Gewicht heißt leider nicht abnehmende Kriegsgefahr. Daran wird sich unter Trump nichts ändern.


[1] Jana Puglierin, Merkel stated the Obvious: Donald Trump’s America can’t be fully trusted, Special to The Globe and Mail, 31. Mai 2017. Die DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik) ist neben der Stiftung Wissenschaft und Politik der wichtigste außenpolitische Thinktank der Bundesregierung.

[2] John Bellamy Foster, Revolution and Counterrevolution, 1917-2017, in: Monthly Review, Volume 69, Issue 03 (July-August 2017)

[3] Neue Macht – Neue Verantwortung. Elemente einer deutschen Außen- und Sicherheitspolitik für eine Welt im Umbruch. Ein Papier der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) und des German Marshall Fund of the United States (GMF), 2013. (Seitenangaben in Klammern)

[4] Vgl. die Aussage Anton Börners vom Bundesverband Groß-und Außenhandel zum Sinn des TTIP: „Länder wie China oder Russland müssen von uns übernehmen, was fairer Wettbewerb und freies Handeln bedeutet, und nicht wir die Regeln ideologisch ausgerichteter Staaten und deren Gesellschaftsformen.“ Zitiert nach: Klaus Fischer, TTIP statt Sanktionen, Junge Welt 19.11.2014

[5] Auf der Pressekonferenz scherzte er, ohne Trumps Namen zu nennen: „Wenn man nicht seriös ist in diesem Job, dann hat man ihn wahrscheinlich nicht lange.“ „Obama lobt Merkel und EU“, in: Badische Zeitung 18.11.2016

[6] 2016 waren die Exporte der BRD in die USA: 114 Mrd. USD, die Importe aus den USA: 49 Mrd. (Handelsbilanzsaldo knapp -65 Mrd., Handelsbilanzsaldo USA-EU: -146,3 Mrd. USD)

[7] So klagte das Handelsblatt vom 30.6./1.7.1978, die Deutschen stünden „seit vielen Jahren wegen fortgesetzt hoher Außenhandelsüberschüsse am Pranger“. In der FAZ vom 12.11.2013 hieß es: „Deutschland steht seit längerem wegen seiner Ausfuhrerfolge am Pranger.“

[8] Zitiert nach Spiegel Online vom 29.05.2017

[9] Dagegen kamen die seit 2007 bestehenden multinationalen EU-Battlegroups nie zum Einsatz.

[10] Laut NATO-Generalsekretär Stoltenberg steigen sie 2017 um 4,3 Prozent (Kanada mitgerechnet).

[11] Kempin / Mawdsley / Steinicke: Entente Cordiale. Eine erste Bilanz französisch-britischer Zusammenarbeit in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, DGAP-Analyse 10-2012 S. 6ff.

[12] Trump nahm teil am 2. Treffen der „Drei-Meere-Initiative“ aus Staaten zwischen Ostsee, Adria und Schwarzmeer. Die 12 Länder plus 4 Nicht-EU-Staaten bilden auch die 16+1-Kooperation mit China, die aktiv am Projekt der „Neuen Seidenstraße“ teilnimmt.

Der Beitrag basiert auf einem Referat, das am 15.7.2017 auf dem Seminar der Marx-Engels-Stiftung „Bleibt alles anders?“ gehalten wurde. Er erschien in Marxistische Blätter 5-2017.

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