Am Horizont nicht zu sehen.

Michael Hartmann, Die globale Wirtschaftselite. Eine Legende. Campus Frankfurt am Main 2016, 246 Seiten

Der Eliteforscher und Soziologe Michael Hartmann wurde durch seine Studie „Der Mythos von den Leistungseliten“ (2002) bekannt, in der er nachwies, dass nicht primär die Leistung in Deutschland den Aufstieg in die Eliten von Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz und Politik ermöglicht, sondern dass auf dem Weg nach oben soziale Herkunft und Habitus eine wesentliche Rolle spielen. Das gilt vor allem in der Wirtschaft, wo für den Aufstieg in Spitzenpositionen „der richtige Stallgeruch“ (Hartmann) zählt. Doch auch in den anderen Sektoren sind die Abkömmlinge aus Bürgertum und Großbürgertum, gemessen am Bevölkerungsanteil, bei Weitem überrepräsentiert. In seinem Buch „Eliten und Macht in Europa“ (2005) verglich Hartmann die Bildungswege und Karrierepfade der Eliten in Deutschland, Frankreich, Großbritannien und anderen Ländern Europas. Dabei fand er heraus, dass nach wie vor nationale Rekrutierungs- und Aufstiegsmuster vorherrschen. Auch stehen Herkunft und Homogenität der Eliten in direktem Zusammenhang mit der sozialen Ungleichheit: Je exklusiver und homogener eine nationale Elite, umso größer die Kluft zwischen Arm und Reich.

In seinem neuen Buch prüft Hartmann, ob sich Thesen von der Formierung einer „globalen Wirtschaftselite“, einer „internationalen Superelite“ und/oder einer „transnationalen Managerklasse“, bzw., einer „transnationalen Bourgeoisie“ empirisch begründen lassen. Dazu untersucht er die Inter- und Transnationalität der CEOs (Chief Executive Officers – in Deutschland entspricht das den Vorstandsvorsitzenden) sowie der Vorsitzenden und Mitglieder der Aufsichtsräte und Boards der 1000 größten Konzerne der Welt. Zudem nimmt er die Inter- und Transnationalität der 1000 reichsten Menschen der Welt in den Blick. Schließlich geht er der Frage nach, inwieweit die berühmtesten Business- und Elitehochschulen der Welt als Brutstätten einer globalen Elite gesehen werden können. Den Schlussteil des Buches stellte Hartmann unter die Überschrift: „Die globale Wirtschaftselite – auch am Horizont nicht zu sehen“. Das kann als sein Fazit gelten.

Von den CEOs (Vorstandsvorsitzenden) der 1000 größten Konzerne der Welt kommen nur 126 (12,6 Prozent) aus einem anderen Land, als dem Land des Konzernsitzes. Dabei sind die Unterschiede zwischen den Ländern enorm. Der Ausländeranteil unter den CEOs reicht von null Prozent in Staaten wie China, Indien, Südkorea, Russland, Italien und Spanien bis zu hohen Anteilen von 40-44 Prozent in Australien und Großbritannien und dem absoluten Spitzenwert von 72 Prozent in der Schweiz. Dazwischen liegen unterdurchschnittliche Anteile, wie in Japan (2 Prozent), Frankreich (4,4) und den USA (8,8) und überdurchschnittliche wie in Schweden (15 Prozent), Deutschland (15,6), Kanada (28,1) und den Niederlanden (29,4 Prozent). Zieht man aber die ausländischen CEOs ab, die aus dem gleichen oder einem ähnlichen Sprach- und Kulturraum kommen, so sinken die Anteile rapide. So beträgt der Ausländeranteil bei den deutschen CEOs ohne Schweizer, Österreicher und Niederländer nur noch 6,3 Prozent. Bei den Briten sinkt er ohne Kanadier und Australier von 44 auf 14 Prozent. Dabei spielt eine Rolle, dass den Karrieren späterer CEOs oft ein Studium im Mutterland des Konzerns vorausgeht oder dass der Aufstieg innerhalb von Hierarchien binationaler Konzerne stattfindet. Im hohen Ausländeranteil bei den CEOs der Schweiz spiegelt sich, dass Konzerne ihren Sitz aus steuerlichen Gründen in das Land verlegt haben.

Wie sieht es bei den Spitzenmanagern unterhalb der Schwelle der CEOs aus? In den meisten Ländern existieren Boards, die leiten und kontrollieren, in einigen Ländern (Deutschland, China) gibt es den Dualismus von Vorständen, die die Exekutive der Unternehmen bilden und Aufsichtsräten, die die Vorstände kontrollieren. Bei den Mitgliedern der Boards ist zu differenzieren zwischen Executive Members, die das operative Geschäft leiten (in Deutschland die Vorstände) und Non-executive Members in einer mehr kontrollierenden Rolle. Während im dualistischen Modell die Vorstandsvorsitzenden und die Aufsichtsratsvorsitzenden in der Regel getrennt sind, sind die Chairmen oder Vorsitzenden der Boards oft mit den CEOs der Unternehmen identisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich beide Positionen in einer Hand befinden, steigt mit der Unternehmensgröße. Bei Vorsitzenden von Boards, die nicht zugleich CEOs sind, liegt der Ausländeranteil in allen Ländern niedriger als bei den CEOs, mit Ausnahme der USA und der Niederlande. In den USA liegt er wie bei den CEOs bei 8 Prozent. In den Niederlanden liegt er mit 36,4 Prozent höher als die 29,4 Prozent bei den CEOs, weil von fünf binationalen Konzerne mit Sitz in den Niederlanden vier einen ausländischen Chairman haben. Von den 100 größten deutschen Konzernen auf der Liste haben 4 einen ausländischen Aufsichtsratsvorsitzenden, davon 3mal einen Österreicher. Ein Grund für den im Vergleich zu den CEOs geringeren Internationalisierungsgrad bei den Chairmen und Aufsichtsratsvorsitzenden ist laut Hartmann, „dass sie stärker als die CEO die Eigentumsverhältnisse repräsentieren. Sie werden daher vor allem bei Konzernen, die wie beispielsweise Henkel von Familien kontrolliert werden oder an denen Familien nennenswerte Anteile besitzen, fast durchweg aus den Familien selbst oder zumindest aus dem Heimatland dieser Familien rekrutiert.“ (92)

Milliardäre sesshafter als vermutet
Während die Vorsitzenden der Boards und Aufsichtsräte weniger internationalisiert sind als die CEOs, weisen die Mitglieder dieser Gremien mit durchschnittlich einem Sechstel Ausländern den höchsten Internationalisierungsgrad auf (ohne Arbeitnehmervertreter). Auf die Boards beziehen sich daher oft die empirischen Belege für die These von einer transnationalen Managerklasse, sofern überhaupt welche präsentiert werden. Der Durchschnittsanteil wird aber auch hier durch große Unterschiede relativiert. Die beiden größten Industrieländer USA und Japan weisen nur 8 respektive 2 Prozent Ausländer in den Boards auf. Auch in Italien sind es 8 Prozent, in Indien 7 Prozent. Zweitens liegen die Anteile für ausländische Executive Members (Vorstände) weit unter denen für Non-Executives. Letztere sind aber viel weniger (meist nur für 6-12 Meetings pro Jahr) in die Leitung involviert als die operativ leitenden Executives. Die Executives sind daher die für den Nachweis hinreichender grenzüberschreitender Mobilität entscheidende Gruppe. Die Anteile der ausländischen Executives bewegen sich meist zwischen null und 8 Prozent mit einem Durchschnitt von gut 4 Prozent. Nur die Schweiz mit 67 Prozent, die Niederlande mit 34, Britannien und Deutschland mit je 23, Frankreich mit 12 sowie Südafrika mit 26 Prozent ragen da heraus. Bei den großen europäischen Ländern hat sich an den Prozentsätzen seit einem Jahrzehnt nichts verändert.

Schließlich fragt Hartmann nach dem Internationalisierungsgrad der Superreichen. Gern führen jene, die eine „globale Superelite“ diagnostizieren, den Anglo-Inder Lakshmi Mittal als typisches Beispiel an, der von London aus den Stahlkonzern Arcelor Mittal leitet, dessen juristischer Sitz zwar Brüssel ist, der sein eigentliches Headquarter aber in London hat. Auch der reichste Brasilianer Jorge Paulo Lemann, dessen Unternehmen Anheuser-Busch InBev ein Drittel des weltweiten Biermarkts kontrolliert, gilt als Paradebeispiel. Dazu Hartmann: “Mittal und Lemann sind tatsächlich Weltbürger. Ob sie charakteristisch für die reichsten Menschen der Welt sind, ist damit aber noch nicht gesagt. Sie könnten auch die berühmte Ausnahme von der Regel darstellen.“ (118) Zunächst interessiert die regionale Verteilung der Milliardäre der Welt. Drei Viertel von ihnen konzentrieren sich auf 11 Länder, an der Spitze die USA, gefolgt von China, Deutschland, Indien und Russland. Von den 1041 Milliardären der TOP1000-Liste von Forbes haben 90 ihren Hauptwohnsitz außerhalb ihres Heimatlandes. Das sind 8,6 Prozent und damit ein geringerer Anteil als bei den CEOs. Sie sind also „weit sesshafter, als man gemeinhin vermutet.“ (122) Vom Durchschnitt gibt es Abweichungen nach oben und unten. Zu den Ländern mit einem hohen Anteil im Ausland lebender Milliardäre gehören Frankreich (34,8 Prozent), Schweden (35 Prozent) und Griechenland (100 Prozent). Nach unten weichen mit je 0,0 Prozent China, Japan und Südkorea ab, die USA mit 0,8 Prozent, Russland mit 4,4 Prozent im Ausland lebender Milliardäre. Von den deutschen Milliardären haben 28,4 Prozent ihren Hauptwohn-sitz im Ausland. Wohin zieht es Milliardäre, die im Ausland leben? Hartmann nennt die drei häufigsten Auswahlmotive: „Es ist erstens, und das ist der mit Abstand wichtigste Grund, die Möglichkeit, Steuern zu sparen, zweitens die Bindung an das eigene Unternehmen und drittens die sprachliche, kulturelle und teilweise auch räumliche Nähe zum Heimatland. Alle anderen möglichen Motive rangieren weit dahinter.“ (129) Dementsprechend wohnen von den 90 im Ausland lebenden Milliardären aus der Stichprobe der 1041 weltweit Reichsten 30 in der Schweiz, 15 in London und 8 in Monaco. Die übrigen 37 verteilen sich auf andere Oasen.

Das Buch bietet vielfältiges empirisches Material zu den Aspekten und Entwicklungstendenzen in der Formierung von Eliten und herrschenden Klassen, welches helfen kann, die verbreiteten Spekulationen durch mehr Realismus zu ersetzen. Aus Sicht Hartmanns entstanden die Prognosen von der globalen Elite nicht zufällig zur gleichen Zeit, wie Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte. „Der Sieg des westlichen Kapitalismus vor allem angelsächsischer Prägung in der ‚Systemkonkurrenz‘ und die scheinbar unbestrittene Vorherrschaft dieses Typs weltweit schienen auch die Basis für eine weltweit herrschende globale Elite oder transnationale Kapitalistenklasse geschaffen zu haben.“ (207) Der Schwachpunkt beider Prognosen sei, dass sie „zum einen der Stabilität und den Beharrungskräften der spezifischen nationalen Traditionen und der Rolle nationaler Sprachen und Kulturen ein viel zu geringes Gewicht bei[messen]. Zum anderen unterschätzen sie die weiterhin großen und teilweise sogar stark zunehmenden Widersprüche und Gegensätze zwischen den verschiedenen Ländern und Regionen der Welt.“ (207) Das Negative an der Beschwörung globaler Eliten sei, dass sie innenpolitisch ein Ohnmachtsgefühl erzeuge und politische Handlungsmöglichkeiten, etwa bei der Schließung von Steuerschlupflöchern, verschleiere. „Diesen Schleier ein Stück weit zu lüften“, ist Hartmanns Ziel. (218)

Beate Landefeld. Die Rezension  erschien zuerst in den Marxistischen Blättern 2-2017

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