Über die 1% und die 0,1%

  1. Christian Rickens, Ganz oben. Wie Deutschlands Millionäre wirklich leben. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2012. 212 Seiten. 8,99 Euro
  2. Hans Jürgen Krysmanski, 0,1%. Das Imperium der Milliardäre. Westend, Frankfurt/Main 2012. 281 Seiten. 19,99 Euro

(1) Millionäre in Deutschland

Christian Rickens arbeitete von 2007 bis 2011 beim manager magazin, das jährlich die Liste der 500 reichsten Deutschen zusammenstellt und auch sonst viel über das Leben der reichen Deutschen berichtet, als eine Art Regenbogenpresse für Besserverdienende. Heute leitet Rickens das Wirtschaftsressort von Spiegel.online. Gegenstand seines Buchs sind die Vermögensmillionäre. Es gibt ihrer in Deutschland über 800000. Sie stellen das obere 1% der Bevölkerung.

In zwei einleitenden Kapiteln beschäftigt sich Rickens mit den Motiven für seine Untersuchung, mit sozialwissenschaftlichen Studien, auf denen er aufbaut und mit unterschiedlichen Herangehensweisen an das Thema Reichtum in Philosophie und Geschichte. Im Hauptteil beschreibt er sechs bundesrepublikanische Millionäre nach der Methode der qualitativen Sozialforschung.i Der Schlußteil besteht in einem Blick über die Grenzen zu den Millionären anderer Länder.

Seine Tätigkeit für das manager magazin brachte Rickens in Tuchfühlung mit Reichen. „So eng wie vermutlich kein anderes deutsches Medium pflegt das manager magazin Umgang mit jenen Menschen, die im öffentlichen Diskurs neutral als ‚Oberschicht‘ tituliert werden, wohlwollend als ‚Wirtschaftselite‘ oder abfällig als ‚Bonzen‘.“ (12) Jährlich veranstaltet das manager magazin eine „Hall Of Fame der deutschen Wirtschaft“. Dort traf Rickens auf „die Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzenden von DAX-Konzernen … Unternehmensberater wie Roland Berger, Großverleger wie Hubert Burda, … Selfmade-Millionäre wie Carsten Maschmeyer“, den einen oder anderen „Expolitiker, der sich heute für Konzerne verdingt (Gerhard Schröder), und vereinzelte unternehmerisch tätige Vertreter des Hochadels (Graf von Faber-Castell, der mit den Bleistiften).“ (12f.)

Die Lebenswirklichkeit der Reichen in Deutschland, so Rickens, sei wenig bekannt, während die Armen penibel durchleuchtet würden. „Dabei muß man kein Marxist sein, um zu vermuten: Der Einfluss, den rund 800000 Millionäre in Deutschland auf Staat und Gesellschaft ausüben, dürfte um einiges größer sein als jener der rund sechs Millionen Hartz-IV-Empfänger.“ (14) Sein beruflicher Zugang zu Reichen inspirierte Rickens zu dem Buch. Dass die Erforschung des Reichtums durch die deutsche Sozialwissenschaft so mager ist, führt er auf fehlenden Zugang und darauf zurück, dass die Reichen mangels Masse in Statistiken nicht auftauchten. Zudem würden sie nicht als ein öffentliches Problem wahrgenommen.

Rickens erinnert an Zeiten in der Geschichte der Bundesrepublik, in denen Bücher wie Bernt Engelmanns und Günter Wallraffs „Ihr da oben, wir da unten“ populär waren, die in Reichtum und adeliger Abstammung „zunächst einmal … etwas Verdächtiges“ sahen. Heute dagegen bewegten sich die Extreme der Politik zwischen den Forderungen nach einem Spitzensteuersatz von 47 oder 53 Prozent (wo er zu Zeiten Kohls schon einmal lag). (26) Doch die aktuelle Finanzkrise, in der der Staat „die Aktienpakete der Reichen vor der Entwertung durch eine Pleitewelle“ gerettet habe, lasse die Vermögenden abermals als privilegierte Schicht dastehen. (37f.)

Millionärsmilieus

Rickens unterfüttert seine Studie mit Daten aus anderen Untersuchungen. Er bedient sich aus der Befragung Vermögender durch den Soziologen Wolfgang Lauterbach „Vermögen in Deutschland“, die 2010 veröffentlicht wurde.ii Er benutzt World Wealth Reports von Merrill Lynch und Cap Gemini oder Studien des Wealth Managements von Großbanken, aber auch empirische Studien des marxistischen Elitesoziologen Michael Hartmann. Bei der Auswahl seiner Studienobjekte orientiert er sich an Milieus, die das Heidelberger Sinus Institut für die HypoVereinsbank herausgefunden und erforscht haben will. Danach lassen sich Millionäre in sechs typische Oberschichtmilieus unterteilen: in konservative, etablierte, liberal-intellektuelle, statusorientierte und konventionelle Vermögende sowie in den neuen vermögenden Nachwuchs. (51)iii

Rickens beginnt seine sechs Porträts mit einem etablierten Vermögenden in Flensburg. Es handelt sich um Oliver Berking, den Hersteller von feinen Silberbestecken und Initiator der Segelregatten „Robbe & Berking Classics“. Ein 185-teiliges Besteck kostet bei ihm schon mal 27000 Euro. Sein teuer restauriertes Holzboot Sphinx besitzt auf 20m Länge keine einzige Toilette und Rickens wertet die Tatsache, dass man dort seine Notdurft in einen Putzeimer verrichten muß, als „Vorliebe für subtile Statussysmbole“, die typisch für etablierte Reiche seien. Der Soziologe Bourdieu definierte als eines der wichtigsten Kennzeichen des Oberschichthabitus die Fähigkeit, den gesellschaftlichen Komment so gut zu kennen, dass man ganz entspannt gegen ihn verstoßen kann.iv (71)

Als Typ des konservativen Vermögenden wird Haymo Rethwisch vorgestellt, der Erbe und einstige Chef des Wäscheverleihunternehmens Boco, das Rethwisch im Alter von 60 an einen Konkurrenten verkaufte. Mit dem Geld begann Rethwisch ein zweites Leben als Naturschützer, Stifter und Gutsherr. So wie Rickens beim Porträt von Oliver Berking Betrachtungen über die soziologische Kategorie des Habitus anstellt und anhand der sehr verschiedenen Yachten von Berking, Albert Büll und Reinhold Würth erläutert, so schließt sich an die Beschreibung von Haymo Rethwisch ein Kapitel über „die neuen Stiftungsfürsten“ an. Stiftungen sind danach „gesellschaftliches Machtinstrument, Werbekanal … , Netzwerk-Plattform der Oberschicht oder schlicht … steuerbegünstigter Weg für Millionäre, um ihren Hobbys oder ihrem Narzissmus zu frönen.“ (90)

Ähnlich läuft es in den nächsten Kapiteln, in denen der einstige Carport-Hersteller Oliver Enderlein als Prototyp des statusorientierten Vermögenden, die Luxuswohnwagenhersteller Stefanie und Gerhard Volkner als konventionelle Vermögende, der Drogeriekettenbesitzer Götz Werner als liberal-intellektueller Vermögender beschrieben werden und ein Anonymus aus dem Milieu des neuen vermögenden Nachwuchses beim Polo-Reiten aufgestöbert wird.v Zur Interpretation werden an passenden Stellen die Thesen des US-amerikanischen Soziologen Thorstein Veblenvi zum „demonstrativen Konsum“, das Bild des „Pionierunternehmers“ des Ökonomen Schumpetervii und die Studie „Der Mythos von den Leistungseliten“ des Soziologen Michael Hartmannviii herangezogen.

„Der typische deutsche Millionär ist Unternehmer“

Ein Kapitel im Hauptteil beschäftigt sich mit den Dingen, die nahezu alle deutschen Millionäre gemeinsam haben. Keiner von ihnen hält seinen Reichtum für unverdient. Sie sehen den Reichtum als Frucht ihrer Leistung und sich selbst – gemäß dem Schumpeter‘schen Bild des „schöpferisch-zerstörerischen“ Pionierunternehmers – als besonders nützliche Glieder der Gesellschaft. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie das volle Ausmaß ihres Vermögens verbergen und ihr ganzes Leben vornehmlich in Netzwerken organisieren, in denen sie unter sich sind. Als Motive nennt Rickens die Angst vor „Ausnutzung“, den Unwillen, sich für den Reichtum zu rechtfertigen und die Möglichkeit, informelle Zirkel zu nutzen, um zwanglos „Geschäfte anzubahnen“ und/oder den direkten Zugang zu Spitzenpolitikern zu pflegen. (53ff., 185)

Eine weitere Gemeinsamkeit betrifft die Quellen des Vermögens: Rund die Hälfte der deutschen Millionäre haben den Großteil ihres Reichtums als Unternehmer oder Freiberufler verdient, rund ein Drittel hat vor allem reich geerbt. „Lediglich knapp 8 Prozent nannten abhängige Erwerbstätigkeit als wichtigste Quelle ihres Reichtums. Der angestellte Topmanager, Chefarzt oder Investmentbanker bildet also unter Deutschlands Millionären eher die Ausnahme.“ (56f.) Erbschaft und eigene Verdienste überschneiden sich oft: „Je weiter man sich von den einfachen Millionären … zu den wirklich Superreichen vorarbeitet, desto größer wird der Anteil solcher Firmenerben, die auch selbst als Unternehmer erfolgreich sind.“ (57f.)

Rickens Fazit: „Der typische deutsche Millionär ist also ein Unternehmer. Und zwar häufig einer, der seine von den (Schwieger-) Eltern übernommene Firma weiterführt.“ Hieraus ergibt sich eine weitere Gemeinsamkeit der 1% Reichsten in Deutschland, nämlich ihre ausgeprägte, „zu einem dynastischen Denken verstärkte“ Familienorientierung. Es geht um die Sicherung der Erbfolge. „Dementsprechend bilden möglichst viele wohlgeratene Kinder, die sich nicht gegen die hehren Pläne auflehnen, die ihre Eltern mit ihnen haben, das wahre Statussymbol der Oberschicht.“ (58)

Ihre Ausbildung erfolgt nicht unbedingt auf Privatschulen, die auf Hochleistung trimmen. Dies sei eher ein Merkmal jener Schichten, die ihre Kinder auf einen harten Daseinskampf vorbereiten wollen, weil für ihr Dasein eben nicht von vornherein gesorgt sei: der höheren Angestellten oder der bildungsbürgerlichen Mittelschicht. Die Bildungswege der Kinder des obersten 1% zielen eher auf die Einübung von Fähigkeiten, Macht zu gebrauchen, um Vermögen zu erhalten und zu vermehren. Als Beispiel nennt Rickens das Internat Louisenlund. Dort sei der Notendurchschnitt nicht besonders hoch, aber die Schüler lernten „ihre Meinung zu sagen im Debattierclub, Kommandos zu geben beim Kuttersegeln …, Mut zu zeigen bei der freiwilligen Feuerwehr, Verantwortung zu übernehmen als Mentor für jüngere Schüler.“ (61)

(2) Milliardäre in Richistan

Der emeritierte Soziologie-Professor Hans Jürgen Krysmanski, ehemaliges Mitglied des Weltfriedensrats, ist als Reichenforscher durch zahlreiche Publikationen bekannt.ix Krysmanski knüpft an die Tradition des Power Structure Research (PSR) des US-Soziologen C. Wright Mills an. PSR ist ein Forschungsansatz, der der ungleichen Verteilung jener Ressourcen nachgeht, die Macht verleihen. Auch PSR nutzt die Methode der „teilnehmenden Beobachtung“x und ergänzt sie durch Netzwerkanalysen, Fallstudien, Dokumenten- und Archivauswertung sowie Interviews mit „Insidern“ oder Enthüllungen von „Whistleblowers“.xi

Krysmanskis Gegenstand sind nicht in erster Linie Millionäre. An der von Rickens benutzten Studie „Vermögen in Deutschland“ bemängelt er, dass die Befragten sich „fast alle im unteren Bereich der Reichtumszone mit frei verfügbaren Vermögen etwa zwischen 300000 und 10 Millionen Euro“ bewegten. In der Forschung sei das ein Schritt voran: „Über Machtverhältnisse aber findet sich kein Wort.“ Auch fehle ein Bewußtsein von den globalen Kontexten, in denen sich Geld- und Machteliten heute bewegten. (22) Krysmanskis Gegenstand sind die 0,1% Superreichen an der Spitze der Herrschaftspyramide, über deren Reichtum der US-Autor Doug Henwood sagt, dass er sich „auf spektakuläre Weise immer mehr ganz oben zusammenballt.“ (34f.)

So vereinten in den Vereinigten Staaten die obersten fünf Prozent sechzig Prozent des nationalen Reichtums auf sich. Doch das oberste eine Prozent sei in den letzten Jahren noch einmal dramatisch reicher geworden als die folgenden vier Prozent. Und die obersten 0,25% schießlich hoben noch schneller ab als die folgenden 0,75%. Die Superreichen kumulierten ökonomische, kulturelle und soziale Macht, die aus dem Nebel des Privaten heraus ausgeübt werde. „Es geht um die Dialektik der absoluten Privatheit des Superreichtums und der aus dieser dunklen Zone heraus möglichen unkontrollierbaren Ausübung von Macht.“ (34) Das für die 99 Prozent unzugängliche Reich, aus dem die Superreichen agieren, nennt Krysmanski in Anlehnung an den Titel eines Buchs „Richistan“.xii

Richistan ist „das Land der Superreichen, vollkommen abgehoben, in einem den ganzen Erdball umspannenden, nichteuklidischen Raum schwebend.“ Setzt man die Grenze zwischen reich und superreich bei rund 500 Millionen Dollar frei verfügbarem Einkommen an, so leben in Richistan ungefähr 10000 bis 20000 Superreiche, unter ihnen rund 3000 Milliardäre. „Wohlgemerkt weltweit und unter Einbeziehung der dunklen Ecken, sozusagen der Rotlichtbezirke von Richistan.“ (45) Ein späteres Kapitel skizziert „Milieus des Kapitals“, das heißt, Operationsfelder, in denen die Geldelite ihr Geld macht: Public Private Partnership in China, griechische Oligarchen, der Kunstmarkt, arabische Dynastien, Plutokratie in den USA, Sparpolitik in der EU, Finanzzentrum Singapur, organisierte Korruption, Waffenmärkte, Finanzmärkte. (159ff.)

„Dunkle Ecken“

Dunkle Ecken sind auch die Steueroasen. 21 bis 32 Billionen Dollar sind dort laut einer Studie gebunkert, rund die Hälfte dieses Vermögens soll rund 100000 Superreichen gehören. (82) Im Großherzogtum Luxemburg „gibt es 150 Banken, die meisten in ausländischem Besitz, genauso wie 90 Prozent des dort lagernden Vermögens. Es sind wahrscheinlich diese Brocken versteckten und re-investierten Reichtums, die Luxemburg zum drittgrößten Investor in Rußland machen, noch vor Deutschland,“ wird der russische Oligarch W.P. Jewtuschenkow zitiert. (150)

Die Superreichen ballen sich in wenigen Megacities: Moskau, New York, Hongkong, London, Istanbul, Los Angelos, Mumbai, Sao Paulo sind die acht Städte, in denen ein Viertel der Milliardäre der Welt (laut Forbes-Liste) lebt. In Deutschland ist Hamburg die Stadt mit den meisten Milliardären. Doch Zweit-, Dritt- und Viertdomizile plus kaum genutzte, „in den Landschaften herumstehende Luxusimmobilien“ sind üblich. (120) Megayachten, die „sich immer häufiger der Länge von 200 Metern nähern“ pendeln zwischen Mittelmeer und Karibik. (116ff.) Die neuen Kommunikationsmittel ermöglichen, dass von dort aus Konzerne gelenkt werden können.

Mit einem längeren Zitat aus seinem Beitrag im Historisch-kritischen Wörterbuch führt Krysmanski in die Diskussion des Begriffs der „globalen herrschenden Klasse“ xiii ein. Deren Formierung sei empirisch schwer zu belegen, aber am ehesten bei der globalen Rolle jener kleinen Gruppe von wenigen tausend ‚ultra-high-net-worth-individuals‘ zu lokalisieren, die zusammen über mehr Geldmittel verfügen als die unteren vier Fünftel der Weltbevölkerung. An David Rothkopfs Buch „Die Superklasse“ kritisiert er die Vernachlässigung der Kapitalakkumulation als Quelle von Macht und „einen Begriff von Machtelite, der die verschiedenen Funktionen im Macht- und Herrschaftsgefüge allzu eilfertig vermischt.“ (29ff.)

Krysmanski insistiert auf der Differenz zwischen der Machtelite und den sie umgebenden Funktions- und Diensteliten. Die Eigentümer des großen Geldes müßten sich im Verborgenen organisieren, „sozusagen in elitären, privaten Spezialöffentlichkeiten“. Die Machtelite dürfe sich „an den Orten der Wertschöpfung nicht in die Karten sehen lassen“ und müsse „an den öffentlichen Orten der Herstellung und Sicherung eines Gesamtkonsenses mit Hilfe der Funktionseliten die Karten so mischen (lassen), dass die Abhängigkeit des Machtkerns vom gesellschaftlichen Gesamtarbeiter nicht zurückverfolgt werden kann und vielmehr im gesellschaftlichen Bewußtsein der umgekehrte Eindruck der Abhängigkeit des Gesamtarbeiters von denjenigen erzeugt wird, welche ‚die Arbeitsplätze schaffen“ oder ‚gute Taten tun‘.“ (65)

Ringburg und Pyramide

Die Differenz zwischen Geldelite und Funktionseliten zeige sich deutlich hinsichtlich der Vererbungsfrage. Zwischen „Geldmachtpositionen (Kapitaleigentum) einerseits und sonstigen Machtpositionen (Manager, Politiker, Technokraten, Kultureliten) andererseits“ müsse scharf unterschieden werden. „Erstere haben ein funktionierendes Regime der Vererbung ihrer Positionen, letztere nicht.“ Dabei spiele sowohl in den USA als auch in Europa das Phänomen der Verschwägerung eine große Rolle. „Diese Tendenz zur Endogamie oder Dynastienbildung nach aristokratischem Vorbild ist ein wesentliches Merkmal des Superreichtums.“ (70) Dagegen drücke sich der Dienstklassenstatus der Funktionseliten darin aus, dass sie entlassen werden oder „stürzen“ könnten.

Das Verhältnis der Geldmacht zu den übrigen Eliten demonstriert Krysmanski am Schema der „Ringburg“. Das Zentrum bilden die 0,1% Superreichen als „völlig losgelöste und zu allem fähige soziale Schicht, welcher die Wissens- und Informationsgesellschaft alle Mittel in die Hände legt, um sich als eine neue gesellschaftliche Mitte zu etablieren“. Um sie herum und ihr am nächsten gruppieren sich als zweiter Ring die Konzern- und Finanzeliten als „Verwertungsmacht“. Den nächsten Funktionsring bilden die politischen Eliten als Verteilungsmacht, die für die Verteilung des Reichtums von unten nach oben zu sorgen habe. Die größte Gruppe bevölkert den Außenring der Festung: die Funktions- und Wissenseliten aller Art, von Wissenschaftlern über Techno- und Bürokraten bis zu den Wohlfühleliten in Medien, Kultur oder Sport. (37ff.)

Krysmanski definiert sich als Vertreter eines „postmodernen Marxismus“. Seine Vorstellung des heutigen Weltsystems basiert weitgehend auf Hardt/Negris Empire.xiv Diesem Werk ist auch die „Pyramide der globalen Herrschaftsverfassung“ entnommen, ein Modell, an dem „bis heute … wenig auszusetzen“ sei. Die oberste Ebene der Pyramide, das „Vereinigte Global-Kommando“, wird von der Supermacht USA, ausgewählten großen Nationalstaaten (G8), Clubs, wie dem Londoner und Pariser Club, den Kapitalistentreffen in Davos und weiteren globalen Institutionen gebildet. Darunter folgt die Ebene des Netzwerks transnationaler Konzerne, der Nationalstaaten allgemein und lokal und territorial operierender Organisationen. Den Boden der Pyramide bilden schließlich „Mechanismen der Repräsentation“: politische Systeme der Nationalstaaten, die UNO, NGOs und das „globale Volk“, die „Multitude“. (89)

(3) Bewertung

Beide Bücher sind unbedingt lesenswert, tragen dazu bei, dass der an der Spitze der Gesellschaft explodierende Reichtum in den Fokus gerät und es gibt manche Übereinstimmung. Rickens liest sich leicht und schnell, vielleicht, weil er gängige Sichtweisen nicht direkt sprengt. Krysmanski ist schwere Kost und fordert stärker heraus. Amüsant zu lesen sind beide. Rickens Anliegen ist die gerechtere Verteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Reichtums. Die aus dem Reichtum resultierende Macht will er transparenter und kontrollierbarer machen, aber nicht abschaffen. Er hat Zugang zu Reichen und hofft auf deren Vernunft und Gemeinsinn. Dabei setzt er auf eine kritische „Öffentlichkeit“, doch die Kämpfe der Lohnabhängigen, Bernt Engelmanns und Günter Wallraffs „Wir da unten“, sind für ihn eher Geschichte. Unter einer solchen Voraussetzung muss aber das Streben nach einer gerechteren Gesellschaft ein frommer Wunsch bleiben.

Krysmanski zeigt Machtstrukturen, die auf Privateigentum basieren. Privatisierung gesellschaftlich geschaffenen Reichtums stehe im Widerspruch zum erreichten Stadium der Produktivkraftentwicklung, das durch die Kooperation des gesellschaftlichen Gesamtarbeiters geprägt sei. Der Forderung nach „Wiederaneignung“ ist unbedingt zuzustimmen. Doch wie? Wie Hardt/Negri sieht Krysmanski einen Bedeutungsschwund der Nationalstaaten. Netzwerke der Superreichen, der globale Gesamtarbeiter, Netzwerke der Multitude stehen sich teils gegenüber, teils durchdringen sie sich. Dass andererseits die Nationalstaaten auf jeder Stufe der Pyramide der globalen Machtstruktur zu finden sind, von den USA und den G8 ganz oben bis zu den „Mechanismen der Repräsentation“ ganz unten beim „globalen Volk“, ist ein Widerspruch, der ins Auge springt.

Vor allem ist einzuwenden, dass der Kapitalismus schon lange nicht mehr „selbsttragend“, ohne Staatsinterventionismus funktioniert.xv Staaten sind Instrumente der herrschenden Klassen, nach innen wie nach außen. Sie sind Träger von Regulierung und internationalem Krisenmanagement, von G7 bis G20. Die „Davos-Klasse“ setzt sich aus Milliardären, CEOs und Regierungschefs nebst Scherpas zusammen. Und: „Man findet die Davos-Klasse in jedem Land – ihre Mitglieder gehören ja keiner Verschwörung an und ihr Modus Operandi kann ohne … Schwierigkeiten beobachtet und identifiziert werden.“xvi Schließlich lassen sich Veränderungen kaum durchsetzen, solange die staatlichen „Mechanismen der Repräsentation“ sich in den Händen von Diensteliten der Geldmächtigen befinden und nicht unter demokratischer Kontrolle der Bevölkerungen.

Rezensentin: Beate Landefeld

(Die Rezension erschien in Marxistische Blätter 3-2013)

iDarunter wird interpretierende Sozialforschung verstanden, die eher auf Beobachtung als auf statistischen Erhebungen basiert.

iiWolfgang Lauterbach, Vermögen in Deutschland, in: Thomas Druyen u.a. (Hg), Vermögen in Deutschland. Heterogenität und Verantwortung. Wiesbaden 2010

iiiHypoVereinsbank (Hg), Typologie des Erfolgs. Die HVB Wealth Management Studie, ohne Jahresangabe

ivPierre Bourdieu, Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. 1979

vQuantitativ sind laut Sinus-Studie den ersten drei Milieus jeweils etwa 20-25% der Oberschicht zuzuordnen, dem vierten, fünften und sechsten Milieu jeweils etwa 10%.

viThorstein Veblen, The Theory of the Leisure Class. 1899

viiJoseph Schumpeter, Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung. 1911

viiiMichael Hartmann, Der Mythos von den Leistungseliten. 2002

ixEr schrieb u.a.: „Hirten und Wölfe“ ( 2004), „Wem gehört die EU?“ (2007). Über weitere Arbeiten und zahlreiche Artikel informiert die Webseite: http://www.uni-muenster.de/PeaCon/krysmanski/

xVgl. Fußnote 1

xi„Whistleblowers“ (Pfeifenblaser) sind Leute, die mit Rechtsverstößen ihrer Firmen oder Institutionen an die Öffentlichkeit gehen.

xiiRobert Frank, Richistan. Eine Reise durch die Welt der Megareichen. Frankfurt/M. 2009

xiiiHistorisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Hg. Von Wolfgang Fritz Haug, Band 6/I, Berlin 2004

xivMichael Hardt/Antonio Negri, Empire. NY 2000

xvVgl. Beate Landefeld, Privateigentum und Finanzkapital. Marxistische Blätter 2-2013.

xviSo Susan George im „Luganoreport“, zitiert nach Krysmanski, 0,1%, Seite 101

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