„Finale Krise“ – und was dann?

Manfred Sohn, Am Epochenbruch. Varianten und Endlichkeit des Kapitalismus. PapyRossa Köln 2014, 222 Seiten

Manfred Sohn untermauert mit dem Buch seine im Anschluss an Robert Kurz vertretene These, dass es sich bei der gegenwärtigen Krise um die „finale Krise des Kapitalismus“ handele, da dieser „zurzeit auf die nicht nur äußerliche, sondern innere, tief in seinen ökonomischen Stukturen liegende Schranke“ zulaufe, die er nicht mehr überwinden werde. (8) Etwa drei Viertel des Buchs beschäftigen sich in fünf Kapiteln zu den Themen „Geld“, „Kapitalismus“, „Krise“, „Minen“ und „Epochenbruch“ mit historischen und strukturellen Voraussetzungen für den prognostizierten, finalen Crash des Systems. Im letzten Viertel geht es um Alternativen und um die sozialen Träger einer Systemüberwindung. „Sozialismus“, „Einwände“ und „Pfadfinderinnen“ sind die Titel dieser Kapitel.

Hier der stark geraffte Gang der Argumentation: Kapitalverwertung bedeutet Produktion von Mehrwert. Investiert wird nur, wenn der Produktenwert höher ist als die Kosten, die der Kapitalist für den Erwerb von Arbeitskraft und Produktionsmitteln (Gebäude, Maschinen, Rohstoffe) vorstreckt. Der Wert der Produktionsmittel entstand in einem früheren Kapitalkreislauf und wird übertragen. Nur die lebendige Arbeit erbringt Neuwert und mehr Wert, als ihr Unterhalt kostet. Indem durch ständige Produktivitätssteigerung die lebendige Arbeit aus der Produktion verdrängt und überflüssig gemacht wird, schrumpft die Basis, aus der der Mehrwert gepresst wird. Marx sprach von der Tendenz zum Fall der Profitrate.

Solange der tendenzielle Fall durch Ausdehnung von Produktion und Mehrwertmasse kompensiert wird, kann die Bourgeoisie damit leben. Seit Mitte der 1970er Jahre wird die Produktion in den entwickelten kapitalistischen Ländern aber kaum noch ausgedehnt. Generell sprechen Marxisten deshalb von chronischer oder struktureller Überakkumulation aufgrund zunehmender Verwertungsschwierigkeiten des Kapitals. Für Kurz und seine Schüler hat die dritte industrielle Revolution (der Mikroelektronik) ein Niveau der Produktivität eingeleitet, auf dem kein Terrain realer Akkumulation mehr erschlossen werden kann. Die „Endkrise“ des Kapitalismus hat damit begonnen.

Für die Vergangenheit erläutert Sohn, wie mittels Kredit und durch „Wandlungen des in seinen Grundstrukturen unveränderten Systems“, der Kapitalismus vermochte, seine inneren Schranken hinauszuschieben. Aus Konkurrenzkapitalismus wurden Monopolkapitalismus/Imperialismus und staatsmonopolistischer Kapitalismus, der „von Monopolen getrieben wird und des permanenten Eingriffes des Staates bedarf, um überhaupt noch funktionieren zu können“. Der Stamokap bringe die Zusammenhänge „in dem historischen Moment auf den Punkt, in dem er als Schlussetappe seiner ganzen Epoche erlischt.“ Denn der nationale Staat, dessen er bedürfe, verkümmere dank der Internationalisierung der Monopole „zu einem ökonomisch wirkungslosen Eunuchen.“ Ohne Staat könnten aber die Monopole „den Kapitalismus nicht mehr weiter aufrechterhalten“. (46)

Während die Staaten marginalisiert würden und nationale Ökonomien sich in die Weltmärkte hinein auflösten, sieht Sohn andererseits dem Kapitalismus eine „verhängnisvolle Tendenz zur Zentralisation“ innewohnen. Diese werde durch die moderne Produktivkraftentwicklung aber ebenfalls unterminiert: „Die Wissenschaft ist eine eigene Produktivkraft geworden. Sie ist zweitens weltweit vernetzt. Und drittens kann sie in wachsendem Maße in dezentralen Produktionseinheiten in materiell vergegenständlichte Gebrauchsgüter verwandelt werden. Damit werden Zentralisation und Privateigentum aus einem Triebmittel zu einem Hemmnis für die weitere Entfaltung menschlicher Kreativität, Produktivität und Bedürfnisentwicklung.“ (158)

Die Verteilung der gesellschaftlichen Gesamtarbeit verlagere sich: Der primäre (Landwirtschaft, Rohstoffe) und sekundäre Sektor (Industrie) schrumpften, während der Reproduktionsbereich wachse. Kultur, Bildung, „intensive und liebevolle Erziehungsarbeit und Altenpflege, politische Debatten, Entfaltung menschlicher Beziehungen“ würden ins Zentrum treten. Die Ökonomie überwinde „die Fixierung auf Kenngrößen wie dem Bruttosozialprodukt.“ (158f.) Auch handle es sich um dezentral zu organisierende Arbeit. Zwar gebe es auch künftig Bereiche, die nicht dezentral organisiert werden können – Sohn nennt Straßenbau, Schienennetz, Häfen und Flughäfen, Sicherstellung der materiellen Voraussetzungen weltweiter Kommunikation, Fabriken für Flugzeuge, Stahlwerke, Werften – doch seien diese zu vergesellschaftenden Bereiche mit einer Wochenarbeitszeit von 15-20 Stunden abzudecken.

Die Schwergewichtsverlagerung der gesellschaftlichen Arbeit auf den Reproduktionsbereich würde Sektoren und Berufe aufwerten, in denen heute überwiegend Frauen tätig sind. Auch Männer bekämen Zeit und Gelegenheit für „Reproduktionsarbeit“ und das Üben emotionaler Intelligenz. Dies würde aus Sohns Sicht dem mit den Klassengesellschaften entstandenen Patriarchat den Boden entziehen. Die Organisierung des Großteils der Produktion auf örtlicher und regionaler Ebene führe zur „Anreicherung der Macht der Kommunen“. Sie würden „zu den (de)zentralen Steuerungsinstanzen aller ökonomischen, energetischen und kulturellen Kreisläufe ihrer Region. Mit der so vollzogenen Marginalisierung des Staates wird aber auch der Markt marginalisiert.“ (168f.)

Kurz sah im bisherigen realen Sozialismus aufgrund der noch vorhandenen Ware-Geld-Beziehungen nicht viel mehr als einen Kapitalismus, „dessen Blutkreislauf unterbrochen wurde“ und der „durch eine Herz-Lungen-Maschine ständig künstlich mobilisiert werden“ musste. (164f.) Wäre seiner radikalen Wertkritik Genüge getan, wenn Staat und Markt infolge von Dezentralisierung und Kreislaufwirtschaften quasi abstürben? Keinesfalls! Kurz hat sein kritisches Fallbeil auch auf Utopien der Dezentralisierung sausen lassen. Das trifft auch Sohn, der das erreichte Niveau der gesellschaftlichen Arbeitsteilung nur in seiner negativen, kapitalistischen Form beschreibt. Dazu Kurz:

„Schon Marx hat mit Recht gesagt, dass ein abstrakter Antiindustrialismus reaktionär ist, weil er das Potential der Vergesellschaftung wegwirft und sich wie die Apologeten des Kapitalismus einen allseitigen Zusammenhang der gesellschaftlichen Reproduktion nur in den Formen des Kapitals vorstellen kann. Er zieht daraus die Schlussfolgerung, dass menschliche Selbstbestimmung nur um den Preis einer ‚Entgesellschaftung‘, in kleinen Netzen, auf der Basis von Subsistenzwirtschaft zu haben sei (small is beautiful) … An die Stelle einer weit gefächerten, ineinander greifenden Teilung von Funktionen soll das unmittelbare ‚Selbermachen‘ treten … Würden solche Bedingungen realisiert, müsste ein großer Teil der heutigen Menschheit verhungern.“1

Die Wiederaneignung der gesellschaftlichen Potenzen der menschlichen Arbeit wird ohne zentrale Planung, vor der Manfred Sohn einen Horror hat, nicht möglich sein. Die wirklich zu lösende Frage ist nicht die nach der Vermeidung zentraler, gesamtgesellschaftlicher Planung, sondern die nach ihrer demokratischen Kontrolle. Eine gesamtgesellschaftliche Synthese der Produktion, die zentrale Planung vermeiden will, liefe jedenfalls wiederum auf Markt, Spontaneität, Willkür und Recht des Stärkeren hinaus. Nur in der Planung liegt die Möglichkeit der demokratischen Kontrolle. Dabei kann das Subsidiaritätsprinzip2 durchaus eine Rolle spielen, wenngleich es die Synthese auf der Ebene der Gesamtgesellschaft nicht aufheben kann.

Gegen Sohns Konzept einzuwenden ist auch, dass er die Rolle des Staates unterschätzt. Weder ist der heutige bürgerliche Staat funktionslos geworden, noch marginalisiert er sich – im Gegenteil, seine Rolle hat durch die Globalisierung und die Notwendigkeit permanenten Krisenmanagements weiter zugenommen. Was wären die Börsen ohne die Notenbanken? Auch im Zuge eines „Epochenbruchs“ würde die bürgerliche Staatsmacht nicht einfach von selbst beiseite treten oder gar verschwinden. Die Macht müßte der Bourgeoisie entrissen werden. Es müßte zu einer Umgestaltung des Staates, der Eigentums- und Rechtsverhältnisse mit dem Ziel der Herstellung demokratischer Kontrolle der Bevölkerungen kommen.

Doch stehen wir überhaupt bereits am Beginn eines Epochenbruchs, an der Schwelle einer antikapitalistischen Systemüberwindung? Wird dies aus den Krisen und der Produktivkraftentwicklung des überreifen Kapitalismus abgeleitet, so hätten die meisten Länder der Welt immer noch eine, wie auch immer geartete, nachholende Entwicklung vor sich. In den kapitalistischen Zentren aber sitzen die herrschenden Klassen fest im Sattel. Ihre Hegemonie bei der Bestimmung über Wege aus der Krise ist nicht einmal umkämpft, da nach dem Übergang der Sozialdemokratie und grüner Parteien zum Neoliberalismus eine radikale Systemkritik allenfalls von Minderheiten vertreten wird.

Für Kurz ist Emanzipation identisch mit der radikalen Kritik der Kategorien der Warengesellschaft. Zu praktischen Alternativen schweigt er. Emanzipation bedeutet bei ihm nicht Klassenkampf, sondern die Aufklärung des abstrakten Individuums durch die Kritik der Wertkategorien. Sohn aber will praktische Kritik. Die Diskussion darüber anzustoßen, kann nur begrüßt werden und wird hoffentlich helfen, das verändernde Subjekt zu formieren.

Beate Landefeld

1Robert Kurz, Der Tod des Kapitalismus. 2013, S. 28

2Es besagt, dass zentrale Ebenen nur solche Aufgaben erledigen, die untergeordnete Ebenen nicht erledigen können.

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