Gramsci lesen

Florian Becker, Mario Candeias, Janek Niggemann & Anne Strecker (Hg.), Gramsci lesen. Einstiege in die Gefängnishefte. Argument Verlag 2013, 334 Seiten, 17 Euro.

Die HerausgeberInnen präsentieren nach Themen zusammengestellte Auszüge aus den Gefängnisheften. Das Original ist in nummerierte Hefte und Paragraphen gegliedert und nicht leicht zu lesen. Die Gliederung nach Themen erleichtert einen Einstieg in Gramscis Hauptwerk. Die Themen können in Gruppenarbeit, in Wochenendseminaren oder auch in Einzellektüre bearbeitet werden. Anregungen und Gebrauchsanleitungen dafür enthalten die ersten beiden Kapitel. Es folgen zwölf Kapitel mit Auszügen aus den Gefängnisheften.

Folgende thematische Schwerpunkte haben die HerausgeberInnen gewählt: (1) Herrschaft und Führung, (2) Ökonomismuskritik: Zum Verhältnis von Struktur und Superstrukturen, (3) Integraler Staat, (4) Organische Intellektuelle, (5) Ideologie und Alltagsverstand, (6) Erziehung und Bildung, (7) Kunst und Kultur, (8) Marxismus als Philosophie der Praxis, (9) Politik der Subalternen, Spontaneität und Führung, (10) Moderner Fürst und gesellschaftliche Partei, (11) Fordismus – Produktions- und Lebensweise, (12) Organische Krise und passive Revolution.

Jedes Thema bildet ein Kapitel. Den Originaltexten ist jeweils eine kurze, unaufdringliche Einleitung der HerausgeberInnen vorangestellt. Sie formuliert mögliche, erkenntnisleitende Interessen heutiger Linker an Gramscis theoretischem Werk. Die Auszüge aus dem Original decken eine Breite ab, die einseitigen Gramsci-Interpretationen durchaus keinen Vorschub leistet. Allerdings wurden bei den Empfehlungen für weiterführende, vertiefende Lektüre ausschließlich Bücher aus dem eigenen, dem Argument-Verlag berücksichtigt. Wer darüber hinaus gehende Lesetipps sucht, findet solche jedoch in der ebenfalls im Argument-Verlag erschienenen Gesamtausgabe der Gefängnishefte oder im Internet.

Ausgehend von Marx‘ Feuerbachthesen begreift Gramsci den Marxismus als Philosophie der Praxis. Im geschichtlichen Werden entfaltet sich die Einheit von Theorie und Praxis. Marx als Begründer der „integralen Weltauffassung“ und Lenin, der als Politiker das Hegemonie-Konzept entwickelte, „drücken zwei Stadien aus: Wissenschaft-Aktion, die gleichzeitig homogen und heterogen“ sind. Gramsci zeichnet einen Vergleich mit Christus und Paulus: „Das Christentum könnte sich historisch Christentum-Paulinismus nennen, und das wäre der genauere Ausdruck (nur der Glaube an die Göttlichkeit Christi hat diesen Fall verhindert, aber auch dieser Glaube ist nur ein historisches Element und kein theoretisches).“ (S. 188)

Gramsci entwickelt grundlegende Überlegungen zum Hegemonie-Konzept anhand der Frage, wie in Frankreich und Italien die Bourgeoisie zur herrschenden Klasse wurde und den Nationalstaat durchsetzte. Eine Schlüsselfrage war dabei, ob ein Bündnis des Bürgertums mit den Bauern zustande kam oder nicht. Für Italien reflektiert Gramsci diese Frage anhand Machiavellis Aufzeichnungen um 1500, besonders aber anhand des Risorgimento im 19. Jahrhundert. In Frankreich kam es zu einer demokratischen Revolution von unten, nicht zuletzt weil die Jakobiner im Kampf die Funktion einer Führungspartei eroberten und das französische Bürgertum „zu einer weit fortgeschritteneren Position brachten als das Bürgertum ‚spontan‘ gewollt hätte…“. (S. 25)

Die italienische Nationalstaatsbildung führte nur zur konstitutionellen Monarchie. Sie vollzog sich unter Führung des Fürstentums Piemont im Bündnis mit den Moderati, der gemäßigt-liberalen „Avantgarde der Oberklassen“: „Sie waren Intellektuelle und politische Organisatoren und zugleich Betriebsleiter, Großgrundbesitzer und -verwalter, Handels- und Industrieunternehmer, usw.“ (S. 22) Von den Moderati ging aufgrund ihrer praktisch-progressiven Rolle bei der Entwicklung des Landes eine spontane Anziehung aus. Die Demokraten, die Aktionspartei Garibaldis, vermochten es demgegenüber nicht, „der ‚spontanen‘ von den Moderati ausgeübten Anziehung“ eine „organisierte, ‚planmäßige‘ Anziehung entgegenzusetzen.“

Dies wäre nach Gramsci nötig gewesen. „Damit die Aktionspartei eine autonome Kraft hätte werden und es ihr letztlich zumindest hätte gelingen können, der Bewegung des Risorgimento einen betonter popularen und demokratischen Charakter zu verleihen (…), hätte sie der ‚empirischen‘ Aktion der Moderati (…) ein einheitliches Regierungsprogramm entgegensetzen müssen, das die wesentlichen Forderungen der Volksmassen, in erster Linie der Bauern, umfaßt hätte.“ (S. 23) Die Moderati repräsentierten eine relativ homogene Klasse, „weswegen ihre Führung relativ begrenzten Schwankungen unterlag.“ Die Aktionspartei stützte sich „auf keine historische Klasse im besonderen“ und unterlag Schwankungen, die „sich letztlich gemäß den Interessen der Moderati ausglichen: historisch wurde die Aktionspartei also von den Moderati gelenkt (…).“

Daraus schlussfolgert Gramsci: „Das historisch-politische Kriterium, das den eigenen Untersuchungen zugrunde gelegt werden muss, ist folgendes: dass eine Klasse auf zweierlei Weise herrschend ist, nämlich ‚führend‘ und ‚herrschend‘. Sie ist führend gegenüber den verbündeten Klassen und herrschend gegenüber den gegnerischen Klassen. Deswegen kann eine Klasse bereits bevor sie an die Macht kommt ‚führend‘ sein (und muss es sein): wenn sie an der Macht ist, wird sie herrschend, bleibt aber auch weiterhin ‚führend‘ (…) Die politische Führung wird zu einem Aspekt der Herrschaft, insofern die Absorption der Eliten der feindlichen Klassen zur Enthauptung derselben und zu ihrer Machtlosigkeit führt.“ (S. 21)

Gelingt es den herrschenden Klassen, die unteren Volksklassen erfolgreich daran zu hindern, sich als Gegenkraft zu formieren und sind sie zugleich klug genug, objektiv notwendige Veränderungen vorzunehmen und den Subalternen auf eine Weise entgegenzukommen, die der herrschenden Macht nicht abträglich ist, dann haben wir es mit Transformismus (italienisch: trasformismo) zu tun: „Die Moderati führten die Aktionspartei auch nach 1870 weiterhin, und der ‚trasformismo‘ ist der politische Ausdruck dieser Führungstätigkeit“. (S. 21) Gramsci nennt das auch „Revolution/Restauration“ oder, indem er einen Begriff des italienischen Historikers Cuoco aufgreift, „passive Revolution“. Marx und Engels sprachen für die deutschen Verhältnisse in ähnlicher Weise von Bismarcks Reichseinigung als einer „Revolution von oben“.

Der passiven Revolution geht in der Regel die „organische Krise“ voraus, die eine Hegemoniekrise der herrschenden Klasse ist, ohne dass die historisch fortschrittliche Klasse ihren Formierungsprozess bereits zu einer solchen Reife gebracht hätte, dass es zu einer „geschichtlichen Lösung“ der schwelenden Krise kommen könnte, die eigentlich notwendig wäre, um noch größeren künftigen Schaden abzuwenden. Der Beweis dieser Notwendigkeit ist freilich in letzter Instanz nur „wahr“ und gelingt nur dann, „wenn er zu einer neuen Wirklichkeit wird, wenn die antagonistischen Kräfte triumphieren“. (S. 29)

Gramsci bezog die Begriffe der organischen Krise und der passiven Revolution zunächst auf den ‚Trasformismo‘ im Gefolge des Risorgimento, also auf den Wechsel vom feudal geprägten zum bürgerlichen Herrschaftssystem. Er verwendete sie dann aber auch für spätere Regimewechsel innerhalb des kapitalistischen Systems. So spricht er von der Notwendigkeit des Kapitalismus, vom Marktautomatismus zu einer „gelenkten Wirtschaft“ überzugehen und sieht sowohl im Faschismus als auch im Fordismus der USA einen solchen Übergang. (S. 56, 276, 314)

In seinen Untersuchungen zum Verhältnis von Struktur und Superstruktur (Basis und Überbau) kritisiert Gramsci den Ökonomismus in Form des Liberalismus und Syndikalismus, die die Rolle der ökonomischen Basis im historischen Prozess verabsolutieren, anstatt die Wechselwirkung von Struktur und Superstruktur zu beachten. Beim Studium einer Struktur gelte es, „die organischen (relativ dauerhaften) Bewegungen von denen zu unterscheiden, die konjunkturell genannt werden können“, deren Bedeutung nicht von großer historischer Reichweite sei. Werde das Verhältnis der beiden Arten von Bewegung nicht richtig erkannt, verfalle man entweder in ein Übermaß von „Ökonomismus“ (Mechanizismus) oder in ein Übermaß von „Ideologismus“ (Voluntarismus). (S. 29)

Nötig sei die Unterscheidung verschiedener Momente oder Ebenen von Kräfteverhältnissen: (1) der gesellschaftlichen Ebene, die eng an die ökonomische Struktur gebunden sei; (2) der politischen Ebene, die über ein korporativ-ökonomisches Bewußtsein von den eigenen Interessen hinausgehe und Bündnisse der aufstrebenden Klasse, die Bildung geschichtlicher Blöcke, den Kampf um Hegemonie umfasse, somit die Phase sei, „die den klaren Übergang von der Struktur zur Sphäre der komplexen Superstrukturen markiert“; schließlich (3) des militärischen Moments, „das jedesmal unmittelbar entscheidend“ sei und welches seinerseits zu differenzieren ist in eine militärisch-technische Ebene (militärisch im engeren Sinne) und eine militärisch-politische Ebene (Politik, die geeignet ist, die Militärtüchtigkeit des Gegners zu schwächen). (S. 30ff.)

Mögen diese wenigen Eindrücke (mehr davon würden den Rahmen einer Rezension sprengen) potentielle Gramsci-Interessierte anregen, das besprochene Buch zu nutzen.

Beate Landefeld

(erschien zuerst in Marxistische Blätter 2-2014)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: